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Was bislang in Ratten und Mausen gelang, versuchen israelische Arzte erstmals am Menschen: Sie wollen durchtrenntes Ruckenmark reparieren. Die Erfolgsaussicht ist minimal
August 2000
Focus - das moderne nachrichtenmagazin, (Issue No. 35)
Melissa Holleys Vater fand den Hinweis im Internet: Die US-Arzneimittelbeh?rde hatte Medizinern in Israel erlaubt, eine neue Therapie f?r Querschnittgel?hmte an acht Patienten zu erproben.
Mitte Juli, zwei Wochen nach dem verh?ngnisvollen Autounfall auf regennasser Stra?e in Colorado, lag Holley, soeben 19 geworden, im Sheba Medical Center bei Tel Aviv. Ob sie nach der Behandlung ihre gel?hmten Beine wieder wird bewegen k?nnen, soll sich fr?hestens in acht Monaten herausstellen.
Autologe Makrophagentherapie nennt sich die Premiere, die die gesamte Fachwelt in Erstaunen und manche Forscher gar in Wut versetzt. Kaum eine der verschiedenen, seit Jahren an Ratten und M?usen erprobten Strategien, durchtrenntes Ruckenmark zu reparieren, hat die nachsthahere Stufe der Affenversuche erklommen. Erst das Team rings um die Neuro-Wissenschaftlerin Michal Schwartz vom bekannt risikofreudigen Weizmann-Institut traut sich, das medizinische Neuland zu betreten.
Durch eigene Experimente an Ratten bestarkt, glaubt Schwartz, dass an der Stelle einer Ruckenmarksverletzung ein eklatanter Mangel an Makrophagen besteht. Diese Immunzellen entnimmt sie dem Blut ihres Patienten („autolog“), rastet sie im Labor auf und implantiert sie ins Zentrum des Geschehens. Dort, wo die Verbindung der Nervenfasern unterbrochen ist, sollen die Makrophagen radikal aufr?umen mit Zellen, die nicht an diese Stelle geh?ren. Dann, so die Hoffnung, konnen die Nerven wieder wachsen.
Die Hoffnung
Wissenschaftler in aller Welt erproben Wege, Lahmungen ruckgangig zu machen.
- Durch ubertragung mehrerer Zelltypen, von denen bekannt ist, dass sie zur Regenerierung von Nerven beitragen, erreichte ein spanisches Team bei Ratten mit durchtrenntem R?ckenmark ein Nachwachsen von Nervenfasern quer durch die Schnittstelle.
- Der erste Versuch an einem querschnittgelahmten Menschen findet in Israel statt. Die Therapie mit (oft als Fresszellen bezeichneten) Makrophagen entwickelte Michal Schwartz am Weizmann-Institut.
- Auf eine Gentherapie hoffen manche Forscher in Kombination mit dem Einsatz von speziell fur Nerven zust?ndigen Wachstumsfaktoren. Geplant ist, genetisch veranderte Zellen einzuschleusen, die die Signalmolekale im Ruckenmark herstellen.
- Verblaffend einfach erscheint die Idee, mit Nerven aus anderen Korperregionen Br?cken von einem gekappten Teil des R?ckenmarks zum anderen zu schlagen. In Tierversuchen fuhrte das zu den besten Ergebnissen, wenn auserdem Wachstumsfaktoren zum Einsatz kamen.
- Antikorper gegen Proteine, die das Aussprossen von Ruckenmarksnerven unterbinden, entwickelte der Z?richer Martin Schwab und hatte mit diesen Molekulen gegen die so genannten Nogo-Proteine zunachst bei Ratten Erfolg. Zurzeit lasst Schwab seinen Ansatz an Affen erproben.
"Der Versuch beruht auf einem plausiblen Konzept, kommt aber viel zu fr?h und ist deshalb unethisch", grollt Schwartz‘ Kollege, der Z?richer Hirnforscher Martin Schwab.
"Das Vorhaben wird scheitern", prophezeit Klaus von Wild, Chef der Neurochirurgischen Klinik in M?nster. Er h?lt den israelischen Versuch zwar f?r „angebracht“, bezweifelt aber, dass eine Therapie, die auf einen einzigen Faktor in der verheerenden Kaskade von Prozessen nach einer R?ckenmarksverletzung setzt, Erfolg haben kann.
Der endg?ltige Schnitt
Forscher* entruutseln, was nach Durchtrennung des R?ckenmarks passiert.
- Phase 1: Entzundung
Ab der Durchtrennung bis wenige Tage danach sterben Nervenzellen ab. Gleichzeitig kommt es zu einer starken Entz?ndungsreaktion.
- Phase 2: Teilweise Regeneration
So genannte Schwann-Zellen treten in Aktion und bewirken gemeinsam mit anderen eine – ungen?gende – Aussprossung der Nerven.
- Phase 3: Vernarbung
Nach Wochen: Andere Zellen (Astrozyten, Fibroblasten) bilden eine Trennschicht (Basallamina) und Narben. Zysten entstehen.
*Quelle: Nacimiento/Schmitt/Brook
Zu vielschichtig – und auch zu wenig erforscht – sind die Gr?nde daf?r, dass sich zwar jeder Fingernerv regenerieren kann, eine Durchtrennung im zentralen Nervensystem aber, zu dem das R?ckenmark geh?rt, zum unumst??lichen Verlust der Kontrolle ?ber alle Reizbahnen darunter f?hrt. In Deutschland machen immerhin rund 1100 Menschen pro Jahr diese furchtbare Erfahrung: Der fingerdicke Kommunikationsstrang, der vom Hirnstamm durch den Wirbelkanal bis zu den Lendenwirbeln f?hrt, ist pl?tzlich unterbrochen.
Am zerrissenen Nervengeflecht spielen sich zahlreiche komplexe Vorg?nge ab. Auch das Nogo-Protein, das Grundlagenforscher Schwab entschl?sselt und zu dem er sogar einen Antik?rper entwickelt hat, ist nicht der einzige Hemmstoff gegen das Aussprossen durchtrennter R?ckenmarksnerven. Hans Werner M?ller von der Neurologischen Klinik in D?sseldorf beispielsweise entwickelt ein Verfahren, das jene Kollagenschicht, die die Nervenstummeln bald nach der Verletzung zu ?berziehen beginnt, aufl?st. „Eine Anwendung an Patienten“ erg?be f?r M?ller aber „nur einen Sinn, wenn man au?er unserem Antikollagenwirkstoff noch Schwabs Nogo-Antik?rper und am besten auch geeignete Nervenwachstumsfaktoren einsetzte“.
"Wir sind noch lange nicht am Ziel. Mit ubertriebenen Hoffnungen machen wir nur die Patienten verruckt", bestatigt Schwab. Hans J?rgen Gerner, als Direktor an der Orthop?dischen Universit?tsklinik in Heidelberg ein Mann der ?rztlichen Praxis, spricht lieber von den kleinen Fortschritten bei der Hilfe f?r Querschnittgel?hmte: dem Kortisonpr?parat Methylprednisolon, das, bald nach dem Unfall verabreicht, den Schaden zu begrenzen scheint; von computergesteuerten Blasen-, Hand- und, wenn es sich um einen schweren Fall handelt, Atemstimulationsger?ten; und nat?rlich von den unz?hligen M?glichkeiten, die gel?hmten Regionen zu bewegen, damit der K?rper und seine Organe einigerma?en in Form bleiben.
Training und Starkung sind f?r Gerner denn auch der Hauptnutzen von Beinschrittmachern. Seit mehr als 20 Jahren werden immer wieder neue Versuche unternommen, ?ber zeitweise auf die Haut geklebte oder auf Dauer implantierte Elektroden wichtige Muskeln und Nerven wieder in Gang zu bringen. Die Patienten sollen auf Knopfdruck selbstst?ndig aufstehen und manchmal sogar ein paar Schritte gehen k?nnen. „Alltagstauglich sind diese Neuroprothesen noch lange nicht“, meint Gerner. „Im Rollstuhl sind die meisten Betroffenen viel flexibler.“
Neurochirurg von Wild, der derartige Systeme mitentwickelt, h?lt solcher Skepsis einen weiteren Vorteil entgegen: „Das Erlebnis, sich ab und zu wieder von allein auf gleiche Augenh?he mit den Mitmenschen zu bringen und ein paar Schritte zur?ckzulegen, kann f?r einen querschnittgel?hmten Menschen extrem wichtig sein.“
Einen Erfolg verzeichnete von Wild, 61, mit Marc Merger, einem querschnittgel?hmten Franzosen, dem er und ein franz?sisch-italienisches ?rzteteam vor knapp einem Jahr in Montpellier einen Mikroprozessor und Elektroden implantierten. „Der Patient legt bis zu 150 Meter am Tag zu Fu? zur?ck, wenn auch nicht am St?ck, weil jeder Schritt extrem anstrengend ist. Die gel?hmten Muskeln erm?den schnell. Der Mann sitzt ja seit zehn Jahren im Rollstuhl!“
Nur die Gedanken sind frei
Wie ein 25-j?hriger ?sterreicher lernt, seine gel?hmte Hand zu steuern.
- Nach funf Monaten
Intensivtraining a? Thomas Schweiger selbstst?ndig einen Apfel. Es war ein Triumph, denn seit einem Badeunfall ist Schweiger so hochgradig gel?hmt, dass er mit seinen H?nden nicht zugreifen kann.
- Die Kappe mit Elektroden,
die Signale aus dem Gehirn ?ber einen Computer an eine Arm- und Handschiene weiterleiten, ersann ein Forscherteam um Christoph Guger von der Technischen Universit?t in Graz.
- In dem langwierigen
Versuch-und-Irrtum-Verfahren lernte Schweiger: „Denke ich an eine Fu?bewegung, schlie?t die Schiene meine Hand, denke ich an eine Handbewegung, ?ffnet sie sie.“ Der K?rperbehinderte besucht eine Wirtschaftsschule.
Detailergebnisse der EU-weiten Machbarkeitsstudie an Merger und mittlerweile einem zweiten Patienten will von Wild in dieser Woche beim Weltkongress f?r Wirbels?ulenmedizin in Berlin bekannt geben. „Unser Ziel ist, jungen Unfallopfern binnen eines halben Jahres, solange ihre Muskeln noch kr?ftig sind, routinem??ig Chips zu implantieren. Sie sollen aufstehen und wenigstens ins n?chste Zimmer gehen k?nnen.“ Spazierg?nge w?rden Neuroprothesen wohl nie erm?glichen.
Mehr Hoffnung f?r die Zukunft sieht auch von Wild in einem noch zu entwickelnden Cocktail aus zellul?ren Wachstumsf?rderern. Und in einem umstrittenen, weil m?glicherweise an den Verbrauch und das Klonen von Embryonen gekoppelten Forschungsansatz: Stammzellen, die eines Tages dazu gebracht werden k?nnten, sich ganz nach Wunsch in die entscheidenden Bestandteile des R?ckenmarks zu verwandeln.
Erster konkreter Schritt in diese Richtung: In den USA gelang es dem Neurologen John McDonald, Stammzellen aus M?useembryonen im Labor in Nervenzellen zu verwandeln. Im R?ckenmark von querschnittgel?hmten Ratten bewirkten sie einige Millimeter Wachstum. Das gab den Tieren Teile ihrer Beweglichkeit zur?ck.
In funf Jahren m?chte McDonald mit Versuchen am Menschen beginnen. Als Christopher Reeve, der seit einem Reitunfall vor f?nf Jahren vom Hals abw?rts gel?hmte Superman-Darsteller, von dem Ergebnis erfuhr, forderte er, die Politiker sollten die Forschung an den Allesk?nnerzellen aus Embryonen bedingungslos unterst?tzen.
Kurt-Martin Mayer
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